Hans Baldung Grien

Inschrift: SAVLE. SAVLE. QUID. ME. PERSEQVERIS. (Saulus, Saulus, warum verfolgst Du mich?); vier Wappen: Zimmern, Isenburg-Büdingen und Gemmingen (?)

Das 1945 verbrannte Werk war und ist noch immer Gegenstand intensiver Forschung und Spekulationen über Entstehungsort und Auftragszusammenhang. Der durch die Wappen und die Verwendung eines Kartons des geschätzten oberrheinischen Malers Baldung bezeugte hohe Rang des Auftrags rechtfertigt allerdings die anhaltende Debatte. Hinsichtlich der Monumentalität und des dramatischen Ausdrucks beansprucht die Bekehrung des Paulus innerhalb des Œuvres Baldungs, der das Thema bereits in zwei Holzschnitten 1505 und 1515/17 dargestellt hatte, eine herausgehobene Stellung. Gezeigt wurde der Augenblick der Bekehrung des Saulus, dem ein Erkennen seines Pferdes vorausging, das bereits in einer andächtigen Haltung niederzuknien schien und den auffällig im Zentrum des Bildes platzierten, leeren Sattel für den neuen Paulus bereithielt (Sroka). In der Tat, das hat Sroka gezeigt, waren die Pferde wichtige Ausdrucksträger differenzierter Emotionen. Die große Räumlichkeit, vor allem durch die beiden Begleiter des Paulus erzeugt, ist untypisch für Gobelins; sie zeigen Baldungs konsequente malerische Denkweise. Von großer Wichtigkeit ist die Frage nach dem Auftragskontext: Vier gräfliche Wappen schmückten die Ecken der Bordüren; die beiden oberen waren die des Günther von Schwarzburg (1499-1553) und seiner Gattin Elisabeth von Isenburg-Büdingen, die 1528 heirateten und wohl als Empfänger des Teppichs gelten können. Unten links war das Wappen der Bräutigammutter Magdalena Gräfin von Honstein angebracht, einer Schwester des Straßburger Bischofs Wilhelm III., der als Auftraggeber oder Vermittler zwischen der Familie und Baldung in Frage kommt (von der Osten). Der Karton könnte, so vermutete Schmitz, als Vorlage nach Brüssel gesandt worden sein, in das wichtigste Zentrum der Teppichmanufaktur, worauf die Bordüren verwiesen; Göbel hingegen denkt an eine Kölner Arbeit und bringt historische sowie unsichere urkundliche Indizien; Jaques und von der Osten erwägen schließlich auch eine Entstehung am Oberrhein selbst. Da eine Untersuchung der Farbigkeit und Verarbeitung nicht mehr möglich ist, wird diese Frage kaum mehr zu klären sein. Eine Analyse der Bordürenmotive könnte hinsichtlich des Auftrags noch Aufschlüsse geben; der auffällige Papagei im Bild recht unten, mehrfach in der Bordüre wiederholt, ist u.a. ein mariologisches Motiv und wurde auch 1533 von Baldung bei der „Madonna mit den Papageien“ (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum) prominent eingesetzt. Auftraggeber dieses Gemäldes war möglicherweise der Straßburger Bischof Wilhelm III., den von der Osten auch mit dem Berliner Teppich in Verbindung brachte. Vor dem Hintergrund der konfessionellen Konflikte in Straßburg käme der Tapisserie eine besondere Bedeutung zu, die noch zu klären ist.

Erworben 1920/22 aus dem Münchener Kunsthandel, Preis 75.000 RM, zuvor angebl. Aus einem mitteldeutschen Schloß, 1944 an die Gemäldegalerie verkauft

Inv. Nr. KFMV 2184 , erworben 1920/22