Campin, Robert (Meister von Flémalle)

Eines der faszinierendsten Bildnisse der frühen altniederländischen Malerei ist das eines feisten Mannes. Das ausgeprägte Doppelkinn und die tief eingefurchten Stirnfalten zeigen ein Bekenntnis zu einem erstaunlich lebensechten Realismus, der nichts beschönigen wollte und dem sich ästhetische Ansprüche unterzuordnen hatten.

Man hat versucht, die Identität des Dargestellten aufzuspüren und ist auf Robert Seigneur de Masmines gestoßen, Rat und Truppenführer der burgundischen Herzöge Johann ohne Furcht und Philipp der Gute. Er hatte, wie eine Zeichnung belegt, ein ähnlich ausgeprägtes Doppelkinn, doch seine Nasenpartie und die Augen weichen deutlich vom Gemälde ab und lassen die Identifikation als fragwürdig erscheinen. Vom Berliner Gemälde gibt es eine Zweitfassung in der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid. Sie wurde lange Zeit als das Original angesehen, doch haben vergleichende Untersuchungen beider Gemälde das Berliner Bildnis als original, das Madrider Bildnis als großenteils sehr genaue, wenig jüngere Kopie erkennen lassen.

Seit der ersten Beschreibung des Berliner Bildnisses 1902 hat man als Autor den Meister von Flémalle angenommen. Hinter diesem Notnamen hat man immer wieder Robert Campin erkennen wollen, den Lehrer des Rogier van der Weyden. Doch auch diese Deutung ist aus guten Gründen in Zweifel gezogen worden. Zudem hat man neuerdings an der Autorschaft des Meisters von Flémalle gezweifelt und hat van der Weyden selbst in Erwägung gezogen. Ein kleines, großartiges Meisterwerk voller Fragen.

Text Helmut Vogt.

Kat.Nr. 537A , erworben 1901 , Foto: Jörg P. Anders