Franz Xaver Messerschmidt

Der Kopf gehört zu der umfangreichen Serie der sog. Charakterköpfe, die Messerschmidt ohne Auftrag und offensichtlich aus rein künstlerischem Interesse an der menschlichen Physiognomie und bestimmten medizinischen Heilmethoden seit 1777 schuf. Neben den bekannten, grotesken Fratzen umfaßte sie auch mehrere antikisierende Typen und Porträts. Im Verzeichnis einer posthumen Ausstellung 1792 wird die Büste „ein Gelehrter, Dichter“ genannt. Diese stark verunklärenden Bezeichnungen dienen bis heute der Identifizierung der Köpfe, sie haben wesentlich zu der langen Fehleinschätzung der Studien als Werke eines Geisteskranken beigetragen. Bei dem Berliner Kopf, Nr. 45 der Serie, führte das Stirnband, lange Zeit als antikes Motiv gedeutet, zu der Fehltitulierung als „Gelehrter“. Inzwischen weiß man, dass Messerschmidt, wie auch bei anderen Köpfen, die magnetischen Heilmethoden seines Freundes, des Wunderarztes Franz Anton Mesmer (1734-1815) dokumentierte, in dessen Haus er seit 1766 wohnte. Beim ehem. Berliner Kopf ist die Behandlung einer Hirnerkrankung durch Umwindung des Kopfes mit einem nassen Seil gezeigt, das mit magnetischen Eisenstangen verbunden wurde. Von dem 1945 verschollenen Kopf existieren zwei Gipsnachgüsse in Preßburg (Slowakische Nationalgalerie) und Wien (Österreichische Galerie).

Erworben 1940 aus dem Berliner Kunsthandel, Preis 203 RM

Inv. Nr. M 193 , erworben 1940