Meister Sigefridus

  • Die Statuette war Teil einer Apostelreihe, die am Schrein des Soester Stadtpatrons Patroklus aus der dortigen Stiftskirche angebracht war. Der Kastenschrein mit steilem Satteldach (Länge 168 cm), urkundlich zwischen 1313 und 1330 vom Goldschmied Sigefridus geschaffen, gelangte 1841 bereits als Torso in den Besitz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Er hatte das Hauptwerk westfälischer Goldschmiedekunst für das Berliner Kunstgewerbemuseum erworben und somit vor der sicheren Einschmelzung gerettet. Der nach einer umfassenden Erneuerung in die Abteilung Christlicher Bildwerke, die heutige Skulpturensammlung, gelangte Schrein ging 1945 bei den Bränden im Flakturm Friedrichshain zugrunde. Zwei Statuetten (Patroklus und Christus) entgingen stark beschädigt den Flammen.

    Fünf weitere (Maria und 4 Apostel) fielen einem Diebstahl zum Opfer, tauchten später im Kunsthandel auf und konnten 1961 für die Berliner Museen zurückgekauft werden. Der typologisch interessante St.-Patroklus-Schrein steht am Ende einer langen Tradition großer Heiligenschreine des 12. und 13. Jahrhunderts, die besonders im Rhein-Maas-Gebiet verbreitet waren.

  • Hinsichtlich der architektonischen Durchbildung ist er etwa dem weit aufwendigeren Gertruden-Schrein Nivelles (1272-98, 1940 größtenteils zerstört) oder dem Reginen-Schrein in der Osnabrücker Domschatzkammer (1312 vollendet) verwandt. Im Aufbau gibt es auch Beziehungen zu zeitgenössischen Altarretabeln, die eine verblüffend ähnliche architektonische Struktur aufweisen (Hochaltar des Doms in Verden an der Aller, mehrere Retabel auf Gotland). Mit der 2003 erworbenen Statuette kehrte die jüngste und qualitätvollste nach Berlin zurück. Sie wurde sicher nicht von Sigefridus geschaffen, Format und Stil unterscheiden sich erheblich von den übrigen Skulpturen des Schreins. Sie könnte von außerhalb erworben worden sein oder eine beschädigte bzw. entwendete Apostelfigur ersetzt haben. Beziehungen zur westfälischen Goldschmiedekunst der Zeit sind nicht festzustellen, die fein und scharf ausgearbeitete Physiognomie sprechen für eine Entstehung nach der Fertigstellung des Schreins.
SKS 293 , erworben 2003 unter Mitwirkung des KFMV , Foto: Antje Voigt