Jacopo Robusti, gen. Tintoretto

Das großformatige Bild galt als wichtige Stufe der Auseinandersetzung Tintorettos mit dem Thema und dem Gemälde Tizians in der Scuola Grande di San Marco in Venedig (um 1540). Es entstand in der Zeit, in der Tintoretto für die Scuola Grande arbeitete und wenige Jahre vor der großen Verkündigung für die Sala Terrena (1581/82), in der er einige neue Motive, v.a. die dynamische, waagerechte Flughaltung des Engels einführte, die beim Berliner Gemälde noch fehlten. Doch auch hier ging er bereits über Tizians Bildlösungen – ein Vorbild, das schon Frey erkannte – hinaus: Fußboden, Wolken und die Haltung Gabriels sind zweifellos an Tizian angelehnt, doch war die erhobene Rechte des Engels und damit die ganze Figur bereits stärker gedreht und die Geste somit dynamischer. Maria steht ungewöhnlicherweise, sich von ihrem Buch abwendend, so dass sich die Köpfe der beiden Protagonisten auf gleicher Höhe befinden. Dem bei diesem Bildthema ungewöhnlichen Ausblick in einen manieristischen Park und v.a. dem Laubengang kam dabei eine kompositorische und inhaltliche Bedeutung zu: Letzterer erschien wie eine vegetabile Ehrenpforte und deren Bogenverlauf wie eine Verlängerung des erhobenen Arms des Engels. Die traditionelle Aufteilung von Außen- und Innenraum, die Visualisierung des Hereinkommens des Engels, auch bei Tizian und Tintorettos späterer Version beibehalten, wurde im Berliner Gemälde aufgelöst. Einzig der Vorhang hinter Maria deutete die private Atmosphäre an, der im übrigen auch ihre stehende Haltung widersprach. Die Datierung stammt von Pallucchini/Rossi, entspricht aber im wesentlichen auch den übrigen Forschermeinungen.

Erworben 1899 als Geschenk von Hermann Rosenberg

Inv. Nr. 298A , erworben 1899